Interview von Julius Mayer mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (Juni 2009)
Herr Gabriel, Sie sind der deutsche Umweltminister.
So ist es.
Finden Sie persönlich, dass in Deutschland genug gegen den Klimawandel getan wird?
Ich bin ganz froh, dass wir eine ganze Menge tun, mehr als viele andere. Immerhin hat Deutschland
seinen CO2-Ausstoß um mehr als 21 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt. Aber dass das genug wäre,
um den Klimawandel zu bremsen, würde ich nicht behaupten. Wir müssen uns in den nächsten Jahren
noch viel mehr anstrengen, und das können wir auch.
Können Sie ein paar Beispiele nennen? Haben Sie eine persönliche Wunschliste?
Positiv ist, dass wir die erneuerbaren Energien so stark ausgebaut haben. Inzwischen kommen 15 Prozent
unseres Stromverbrauchs aus Windkraft, Sonne und Biogas. Bis 2020 wollen wir auf mindestens 30
Prozent kommen. Positiv ist auch, dass wir die Ausgaben für den Klimaschutz massiv erhöht haben: Wir
geben jetzt dreimal soviel Geld für den Klimaschutz aus wie 2005. Wünschen würde ich mir, dass es uns
gelingt, noch mehr Energie zu sparen. Denn die beste Kilowattstunde ist die, die nicht verbraucht wird.
Also: Unsere Häuser und Wohnungen besser dämmen, Wände, Türen und Fenster isolieren, sparsame
Haushaltsgeräte, Spiele und Computer nutzen.
Was tun Sie persönlich gegen den Klimawandel?
Ich fahre ein Hybrid-Testfahrzeug als Dienstwagen, der sich durch vergleichsweise geringe
Schadstoffemissionen auszeichnet sowie Kraftstoff und damit CO2 einspart. Auch bei meinen dienstlichen
Flugreisen zahle ich einen Klima-Ausgleich bei Atmosfair (www.atmosfair.de). Diese Organisation
investiert den Wert der bei der Flugreise entstandenen Treibhausgase in Klimaschutz, zum Beispiel in
Energiespar-, Solar- und Wasserkraftprojekte, die wiederum diese Treibhausgase einsparen, so dass
durch meinen Flug keine zusätzlichen Emissionen entstehen.
Was ist effektiv und kann jeder einzelne Bürger gegen den Klimawandel tun?
Wichtig ist an erster Stelle das Einsparen von Energie. Im Alltag ist es besonders effektiv, möglichst wenig
mit dem eigenen Auto zu fahren. Viele Kurzstrecken können auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad
zurückgelegt werden. Die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ist besonders umweltfreundlich und
lohnt sich auch für den Geldbeutel. Zu Hause sollte auf energieeffiziente Haushaltsgeräte geachtet
werden. Zu der modernen und zugleich kostengünstigen Ausstattung eines jeden Haushaltes gehört
ebenfalls die Ausstattung mit Energiesparlampen.
Präsident Obama hat für die Autobauer der USA neue Durchschnittswerte für
Verbrauch und CO2-Ausstoß (150g CO2 auf 100 km bis 2016) verordnet. Das
Europaparlament hat längst strengere Werte beschlossen (120g bis 2015 bzw. 95g
bis 2020). Werden diese Vorschriften in Deutschland beachtet? Gibt es Strafen
für Autohersteller, die weiterhin klimaschädliche Autos bauen oder sind solche
Strafen in Zukunft denkbar?
Die deutschen Autohersteller haben lange Zeit viel zu wenig getan, um den CO2-Ausstoß ihrer Autos zu
senken, obwohl sie sich freiwillig dazu verpflichtet hatten. Die Europäische Union hat deswegen die neuen
Grenzwerte beschlossen. Ich denke schon, dass die Industrie jetzt mehr tun wird, um diese Grenzwerte
einzuhalten. Wenn sie es nicht tun, bestrafen sie sich selber, denn die Verbraucher wollen immer mehr
sparsame Autos fahren. Das zeigen auch die Erfahrungen mit der Abwrackprämie: Die Leute kaufen zum
größten Teil kleine und mittlere Wagen. Spritschleudern werden überall zu Ladenhütern.
Finden Sie, dass man den Klimawandel spürt??
Den Klimawandel kann jeder Einzelne bereits in kleinen Veränderungen spüren – beispielsweise durch
eine zeitigere Baumblüte im Frühjahr. Er macht sich jedoch auch durch extreme Wetterverhältnisse wie
etwa Sturmfluten oder lange Trockenperioden bemerkbar, die lebensbedrohlich sein können.
Können wir den Klimawandel noch aufhalten?
Der Klimawandel hat bereits begonnen. Doch ich bin mir sicher: Wenn wir jetzt damit anfangen, uns in
Deutschland und auch international gegen das Fortschreiten der Klimaveränderungen einzusetzen, können
wir die schlimmsten Folgen noch abwenden.
Warum ist der Klimawandel nicht das wichtigste Thema der Politik? Wenn wir nichts ändern, werden wir in Deutschland nie mehr so leben können, wie wir es
jetzt tun: Die Folgen werden uns mehr Geld kosten als die Finanzkrise, es werden so viele Menschen zu uns kommen wollen wie noch nie, weil es ihre Heimat einfach nicht mehr gibt.
Können Sie nicht dafür sorgen, dass Klima zum Topthema in Deutschland wird?
Zuerst einmal ist es bereits ein großer Erfolg, wie stark das Thema Klimawandel in den vergangenen
Jahren in das öffentliche Bewusstsein gerückt ist. Richtig ist jedoch, dass wir weiterhin danach streben
müssen, dem Thema einen noch bedeutenderen Stellenwert einzuräumen. Beispielsweise haben viele
Menschen noch nicht verstanden, dass der Umweltbereich auch ein enormes wirtschaftliches Potential
hat. Und nicht zuletzt kommen uns die Folgen des Klimawandels teurer zu stehen als alles, was wir zur
Vorbeugung tun können. Dies ist wissenschaftlich erwiesen. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen,
dass der Klimaschutz auch in Zukunft eines der politischen Topthemen bleibt und Deutschland die aktuelle
Situation nutzt, um neben dem Schutz der Umwelt auch von den reichhaltigen wirtschaftlichen Chancen
im Bereich der Umwelttechnik zu profitieren.